Habituelle Aborte
Wir sehnten uns nach einem Geschwisterchen für unsere Tochter (geb. 2019). Bei unserer Tochter war ich sofort im ersten Übungszyklus schwanger und ahnte dies noch vor dem Schwangerschaftstest. Als wir es wieder probierten war es genauso, ich wusste vor dem Test eigentlich schon, dass es wieder gleich geklappt hatte.
Am 06.03.21 testete ich positiv. Am 26.03.21 hatte ich den ersten Termin bei meiner Gynäkologin. Es war alles in Ordnung, das Herz schlug bei 6+5, so wie es sein sollte. Am 24.04.21 hatte ich dann den zweiten Termin. Meine Gynäkologin schaute sehr lange im Ultraschall und sagte kein Wort, ich kapierte trotzdem noch nichts. Irgendwann sagte sie „Frau Bargon, es tut mir leid, ich finde keinen Herzschlag mehr“. Sie informierte mich im Anschluss darüber, dass ich zu einer ambulanten Gebärmutterausschabung mit Vollnarkose müsste. Das war für mich der zweite Schlag. Da ich noch nie eine Vollnarkose hatte, hatte ich Angst davor. Als ich aus der Praxis draußen war, rief ich gleich meine liebe Hebamme an und fragte sie, ob das wirklich sein müsste mit der OP. Sie meinte, in der SSW wäre es schon angeraten, weil es zu schlimmen Blutungen führen könnte.
Am 26.04.21 hatte ich die OP-Vorbesprechung. Auch der Arzt im Klinikum bestätigte, dass es keinen Herzschlag, keine Durchblutung und keine Kindsbewegungen gäbe. Am 28.04.21 musste ich dann morgens 3 Tabletten schlucken. Da ich etwas unter Schwangerschaftsübelkeit litt, gerade morgens ohne Frühstück, musste ich mich kurze Zeit später übergeben. Panikartig rief ich im Klinikum an und fragte, was ich jetzt tun solle. Wir vereinbarten, dass ich gleich in die Klinik komme und dort erneut Tabletten vaginal einnehmen würde. Eigentlich sollten die Tabletten 4 Stunden wirken, aber irgendwie kam dann schon früher eine Krankenpflegerin und sagte „Es geht jetzt los“. Ich bekam Panik, ich hatte keinerlei Wirkung gespürt und dachte nur daran, ob die Tabletten jetzt genug Zeit hatten, den Muttermund weich zu machen. Ich äußerte meine Bedenken gegenüber der Pflegerin und dem Anästhesisten, aber mit dem Gynäkologen konnte ich leider nicht mehr sprechen.
Der Anästhesist fragte dann eine Anästhesie-Schülerin (das wusste ich aber zu dem Zeitpunkt nicht!), ob die Patientin (also ich) einen BMI von über 35 hätte. Das war zu dem Zeitpunkt, wo ich die Beatmungsmaske schon aufhatte und ruhig ein und ausatmen sollte. Mein Kopf ratterte, ich atmete mantra-artig ein und aus, gleichzeitig hätte ich aber gerne losgebrüllt, ob sie keine Augen im Kopf hätten, ich sei zwar nicht gertenschlank, aber einen BMI von über 35 hätte ich doch sicher nicht. Ich beherrschte mich. Das Gespräch ging weiter: „Wenn die Patientin keinen BMI von über 35 hat, braucht sie so viel ml und nicht so viel. Haben Sie schon eine Schulung erhalten, wie man das richtig einstellt?“ Die Schülerin verneinte. „Dann dürften Sie das eigentlich noch gar nicht machen.“ Ich kann gar nicht beschreiben, welche Panik ich hatte, dass ich irgendwie eine falsche Dosis Narkosemittel bekommen würde. Das waren die letzten Sätze bevor ich einschlief.
Und diese Sätze verfolgten mich danach zunächst jede Nacht, jedes Mal wachte ich auf und hatte Angst. Irgendwann wurden die Abstände größer. Wenn ich in die Stadt musste, wo die Klinik ist und am Ortsschild ankam oder wieder zur Gynäkologin musste bekam ich körperliche Symptome. Ich fing an zu schwitzen, wurde unruhig und nervös.
Im Aufwachraum bekam ich starken Schüttelfrost, mir war wirklich sehr kalt. Man fragte mich, ob ich noch eine Decke wünschte, was ich bejahte. Dann befand man, ich hätte schon 2 Decken und brachte mir keine mehr und ich fror weiter. Bei der Nachkontrolle fand meine Gynäkologin dann noch Reste und sagte, wenn die nicht bis in xy Tagen raus sind, müsste ich noch eine OP bekommen. Wie freute ich mich über die Sturzblutung, die den Rest nach draußen beförderte. Der ET unseres Sternchen wäre der 14.11.21 gewesen. Dank meiner Nachfrage (von sich aus kam von Seiten des Krankenhauses nichts) konnte ich auch an der Sternenkinder-Bestattung teilnehmen, was mir auch sehr geholfen hat. Ich war oft beim Grab.
Da meine Ärztin nichts weiter unternehmen wollte, wandte ich mich an meinen Hausarzt. Dieser empfahl mir ein Buch („Leise wie ein Schmetterling“), was ich mir auch kaufte und las. Außerdem machte er ein größeres Blutbild und überwies mich zu einem Schilddrüsencheck. Ich überredete meine Gynäkologin dann doch zu einer Überweisung in die Kinderwunschklinik (aufgrund unseres Alters 38 und 48) blieb uns auch nicht mehr allzu viel Zeit. Bei mir wurden die Hormone gecheckt und bei meinem Mann die Spermien. Alles ohne Befund.
Parallel dazu fand ich Anschluss in der Selbsthilfegruppe der frühverwaisten Eltern in Niedereschach, die Gespräche waren mir eine große Hilfe. Durch diverse Gruppen in den sozialen Medien entstand auch noch eine WhatsApp Gruppe mit ca. 15 Gleichgesinnten. Wir unterstützen uns, wo es nur ging.
Wir haben nicht lange gewartet und ich wusste es wieder sofort: Es hat beim ersten Versuch geklappt. Der neue ET sollte der 04.04.22 sein. Ich hatte solche Angst, vorallem als ich wieder im Wartezimmer der Gynäkologin saß. Aber ich sagte mir, das wird uns jetzt schon nicht noch einmal passieren. Am 19.08.21 musste ich zu einer Vertretungsärztin. Ich schilderte ihr kurz, was ich erlebt hatte. Sie beruhigte mich und zeigte mir den Herzschlag meines Babys bei 7+3. Am Abend des 08.09.21 bemerkte ich einen schleimigen Ausfluss, der am Mittwochmittag dann leicht bräunlich war. Ich befand mich zu dem Zeitpunkt in der Schule, da ich mich für die Lernbrücken gemeldet hatte und 14 Tage vor Schulbeginn schon unterrichtete. Ich rief bei einer Vertretung an und fragte, was ich tun sollte. Sie meinte, bei bräunlichem Ausfluss könnte ich bis zu meinem Termin am Donnerstag warten, bei rötlichem sollte ich in die Notaufnahme gehen. Bei jedem Toilettengang schaute ich ängstlich auf das Papier. Am Donnerstag begab ich mich in die Praxis meiner Ärztin und hatte ein ganz ungutes Gefühl. Zu zweit starrten wir auf den Ultraschall und diesmal musste meine Ärztin nichts sagen, ich wusste es sofort: Das Herz schlug nicht…Und ich war nur noch am heulen. Durch meine schlechten Erfahrungen, wollte ich partout keine OP. Wir vereinbarten eine Woche Wartezeit.
Ich war so aufgelöst, dass ich mich nicht in der Lage fühlte, die 30 Min. nach Hause zu fahren. Ich rief eine Freundin an und fuhr 5 Minuten zu ihr. Dort heulte ich mich erstmal aus. Als ich bei ihr auf die Toilette ging, kam dann schon hellrotes Blut. Ich rief dann einen Tag später nochmal meine Ärztin an wegen der Anti-D Spritze. Sie meinte, es würde Anfang der Woche reichen. Abends um 20 Uhr rief sie mich dann nochmal an, ob ich doch am Samstagvormittag kommen könnte. In meiner Verzweiflung bat ich eine befreundete Heilpraktikerin, mir eine Akupunkturnadel zu setzen. Dies tat sie (in den Gebärmutterpunkt) und abends gegen 19 Uhr setzten tatsächlich starke Blutungen ein. Das erste große Gewebestück, was da rauskam, bettete ich in eine kleine Holzkiste und begrub es im Garten. Ich ging um 22 Uhr ins Bett, wachte aber durch starke Wehen wieder auf (im Nachhinein denke ich es waren Nachwehen). Am nächsten Morgen waren die Blutungen erst besser, bevor es dann richtig losging. Es war so schlimm und so viel Blut, dass mein Bad nach jedem Toilettengang etwas von einem Schlachthaus hatte. Da mein Kreislauf langsam etwas labil wurde und ich auch nicht wollte, dass meine kleine Tochter etwas davon mitbekommt, bat ich den Nachbarn, mich kurz am Spielplatz vorbei und dann in die Klinik zu fahren. Ich informierte Mann und Kind, dass ich ins Krankenhaus gehe.
Im Kreißsaal angekommen wurde ich von einer sehr netten Ärztin begrüßt, der ich natürlich gleich erklären musste, warum ich keine Ausschabung wollte. Sie sagte mir, dass ich noch Plazentareste hätte und ließ mir Oxytocin geben. Außerdem informierte sie sich über den diensthabenden Anästhesisten und beruhigte mich, dass der vom letzen Mal nicht im Hause sei. Ich muss dazu sagen, dass ich mich über die QM des Krankenhauses über den Anästhesisten beschwert hatte. Dieser musste mich dann zurückrufen und das Gespräch machte mir klar, dass er nicht emphatisch genug war, zu verstehen, um was es mir ging. Er meinte nur, er hätte ja verhindert, dass irgendwas passiert wäre.
Das Oxytocin hatte nicht die erhoffte Wirkung, man stellte mich vor die Wahl: Cytotec und evtl. morgen OP oder gleich OP. Unter Tränen willigte ich einer sofortigen OP ein. Mit neuem Anästhesisten, der auch wirklich sehr nett war. Ich blieb eine Nacht stationär, in der ich kaum Schlaf fand. Ich begab mich im Anschluss in weitere Untersuchungen, auch eine Vaginom-Untersuchung war dabei. Und ich ging zu einem Gerinnungsarzt, eine Freundin gab mir die Adresse (sie hatte auch eine Fehlgeburt). Auch er fand nichts, empfahl mir aber, in der nächsten Schwangerschaft zu ihm zu kommen. Die Kinderwunschpraxis empfahl mir ab Eisprung Progesteron zu nehmen. Wir probierten es noch einmal. Der neue ET sollte der 02.11.22 sein. Ich nahm das Progesteron und dachte ich hätte die ganze Palette der möglichen Nebenwirkungen für mich gepachtet. Der Schwangerschaftstest war negativ. Irgendwann an Eisprung+14 wollte ich nicht mehr und fragte meine Ärztin, ob ich es nach negativem Test absetzen könnte. Gesagt getan. Ich bekam eine lange Blutung. Danach wollte ich es mit Hilfe von Ovulationstests wieder versuchen und war irritiert, weil die Tests immer positiv waren. Ich machte einen Schwangerschaftstest und der war nun positiv. Da war ich erst so richtig irritiert. Dachte mir aber schon, dass da nach so einer langen Blutung sicher keine intakte Schwangerschaft in mir sein könnte und so war es auch. Diesmal hatte ich das Gespür. Irgendwie war es beim dritten Mal aber nicht mehr so schlimm, man war irgendwie abgestumpft. Diesmal wollte ich unbedingt sofort eine OP und machte im Krankenhaus meine Anästesie-Wünsche deutlich. Einen Tag später war es soweit. Ich ließ den Embryo untersuchen, leider fand man keine lebenden Zellen, also wieder keine Ergebnisse.
Danach ließen mein Mann und ich uns genetisch untersuchen. Wieder nichts. Ich begab mich in psychotherapeutische Behandlung, nicht unbedingt, weil ich es für nötig hielt, sondern weil ich gelesen hatte, dass die Psyche auch eine Rolle spiele. Ich wollte einfach nichts unversucht lassen. Und irgendwie taten mir die Gespräche gut. Ich stieß zufällig noch auf ein Buch „Am Anfang war da Ei“. Die Autorin schilderte, wie sie mit Hilfe diverser Nahrungsergänzungsmittel die Anzahl ihrer Eizellen für die künstlichen Befruchtungen steigern konnte. Im Buch war auch eine Liste für Nahrungsergänzungsmittel bei „habituellen Aborten“. Nun war mein Ziel klar: Ich versuche noch das, entweder es klapp oder es klappt nicht. Zunächst glich ich meinen Vitamin D und Eisenmangel aus. Das war das einzige, was man gefunden hatte. Dann nahm ich 3 Monate eine wirkliche Latte an Nahrungsergänzungsmitteln. Es waren ca. 14 Tabletten am Tag. Zuvor hatte ich den Einnahmeplan meinem Hausarzt gezeigt. Er meinte, dass ich das ruhig machen könnte, was zu viel sei, würde der Körper ausscheiden. Ich müsste nur beim Vitamin D aufpassen. Natürlich musste mein Mann auch einige Tabletten schlucken (Ich habe sie ihm gekauft, sonst hätte er sie vermutlich nicht genommen. Wir probierten es noch einmal. Diesmal nahm ich mir fest vor, das Progesteron erst ab positivem Test zu nehmen. Ich bekam die gleichen Symptome wie beim letzten Mal. Da wusste ich, es waren nicht die Nebenwirkungen des Progesterons, sondern mein Körper reagierte auf eine Schwangerschaft.
Ich war wieder schwanger. Diesmal ET 12.07.23. Das erste Trimester war die Hölle. Zu Beginn durfte ich alle 14 Tage zu meiner Gynäkologin. Dies ging so bis SSW 22 und ich mein Kind spürte. Mein Sohn war sehr aktiv, was mich beruhigte. Dann war der Abstand alle 4 Wochen und dann wurde es wieder ein kürzerer Abstand. In SSW 35 erklärte mir meine Ärztin, dass mein Baby eine Kopf-Bauch-Diskrepanz hätte, der Kopf viel größer als der Bauch sei. Ursache könnte sein, dass es mangelversorgt ist und das Gehirn weiterwächst und die Organe nicht. Ich solle einen Termin in einer anderen Klinik machen zur Doppler Sono. Das war ein Mittwoch vor einem Feiertag und Brückentag. Ich rief sofort in der Klinik an und die meinten, sie würden mich zurückrufen. Als ich daheim war riefen sie an und wollten mir einen Termin für Dienstag geben, ich sollte aber meine Gynäkologin fragen, ob das reichen würde. Diese hat am Mittwochnachmittag keine Sprechstunde. Ich rief wieder an und sagte, dass ich das nicht mehr abklären könnte, sie aber meinte, dass man es, falls etwas ist, gleich holen könnte. Und dass ich nicht so lange warten kann nach 3 Aborten. Dann wurde mir angeboten, gleich zu kommen.
Dort ging alles ganz schnell, in kürzester Zeit sagten sie mir, dass alles in Ordnung sei, mein Baby nur einen großen Kopf hätte. Er lag in Beckenendlage und man fragte mich, wo ich entbinden wollte (Klinik ohne Kinderstation). Sie meinten dann, ich sollte ab sofort 1x pro Woche zur Gynäkologin und 1 x Woche ins Krankenhaus (könnte dann aber dorthin, wo ich entbinden wollte), weil man mein Fruchtwasser beobachten müsse. Ab da wurde es wieder eine nervliche Belastungsprobe. Einer äußerlichen Wendung konnte ich durch meine Ängste nicht zustimmen, ich probierte die indische Brücke, das Moxen und andere „sanfte Sachen“. Nichts half. Trotz meiner OP Ängste musste ich mich zum Kaiserschnitt 1 Woche vor ET anmelden.
Als ich im Krankenhaus auf den Anästhesist wartete, der mich aufklären sollte und dieser um die Ecke bog, wusste ich sofort, wer mir da gegenüber stand. Da ich Privatpatient bin, sollte ich ein Schriftstück unterschreiben, dass er mich operieren darf, falls der Chefarzt nicht da ist. Ich druckste rum. Bei der Anmeldung hatte ich zwar gesagt, dass ich das nicht unterschreibe, weil ich von ihm nicht operiert werden möchte, aber ihm das direkt zu sagen, habe ich nicht fertig bekommen. Ich sagte, ich möchte dann irgendeinen Oberarzt. Ja, er wäre der leitende Oberarzt. Irgendwann kapierte er dann wohl und fragte, „Achso, sie möchten nicht von mir operiert werden?“ ich nur „Genau“.
Dann wollte ich wissen, wie es passieren kann, dass eine Frau trotz Narkose den Schnitt beim Kaiserschnitt spürt (Ich kenne zwei Frauen, denen das so passiert ist). Seine Antwort: „Wenn man googelt, findet man auch was“. Ich wusste 100%, ich hatte die richtige Entscheidung getroffen.
Schlussendlich hatte ich einen wunderbaren schnellen Kaiserschnitt mit zwei sehr lieben Ärzten. Mein Sohn wurde am 05.07.23 geboren. Er hat wirklich einen großen Kopf. Ich habe mit 6 Monaten auf einem Basar Mützen gekauft, von denen gesagt wurde, Kinder würden die mit 2/3 Jahren tragen. Mittlerweile hat er mit 2 Jahren nur eine Mützengröße kleiner als die Schwester mit 6 Jahren. Ich vermute, der Kopf verhinderte die Drehung. Im Nachhinein denke ich, der Kaiserschnitt hat mir geholfen, innerlich zu heilen. Auch wenn ich das lange nicht so sehen konnte.
Ich habe mich immer wieder gefragt, warum ich. Eines ist klar, ich bin froh, so froh, dass ich nicht aufgegeben habe und noch reich beschenkt wurde.
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Stephanie Bargon