Doppeltes Schicksal - auch unser Regenbogenbaby wurde ein Sternenkind


Mit meiner Geschichte möchte ich vor allem Mut machen nicht aufzugeben, egal wie schwer der Weg ist.
 
Als wir im Dezember 2019 das erste Mal einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielten, konnten wir unser Glück kaum glauben. Der errechnete Termin war der 22. August 2020. Silvester 2019 auf 2020 hatten wir uns bei allen abgemeldet und wollten unbedingt allein feiern (es sollte ja noch keiner von der Schwangerschaft erfahren, alle würden sich aber wundern, warum ich nicht mit anstoße - schließlich warteten ja nach der Hochzeit nur alle darauf).
Wir stießen nur zu zweit an auf 2020, das wird unser Jahr, wir werden eine Familie. Dass das, abgesehen von der Pandemie, anstelle unseres schönsten Jahres unser schlimmstes Jahr werden sollte ahnten wir nicht ansatzweise.

Am 09.01.2020 endlich der erste Arzttermin, mein Mann war leider verhindert, so dufte ich den ersten Moment mit meinem Kind alleine genießen. Wahnsinn, ich trage ein kleines Lebewesen in mir, ein kleines Herzchen schlägt – Freudentränen. Wir sind in der 8. SSW. Stolz ging ich nach Hause mit meinem Mutterpass und dem ersten Foto unseres Babys. Wir freuten uns sooooo sehr, beschlossen aber es noch die nächsten 4 Wochen für uns zu behalten, warum? Weil man das halt so macht, dachten wir, kann ja immer was sein, aber was soll denn sein, dass Herzchen schlägt. So freuten wir uns die nächsten 4 Wochen wahnsinnig und überlegten schon wie wir es allen sagen wollen. Wir kauften ein paar Babyschühchen. Mein Mann streichelte meinen noch nicht vorhandenen Babybauch und sprach mit unserem Kind.

Dann kam endlich der nächste Termin, der 4.2.2020. Es war der 3. Geburtstag meines Neffen. Wir hatten uns diesen Tag extra Urlaub genommen, vormittags zum Gynäkologen und nachmittags zur Geburtstagsfeier, auf welcher wir dann auch die frohe Botschaft mit der engsten Familie schon teilen wollten. Bevor wir losfuhren, zuhause noch schnell ein Foto der Babyschuhe neben unseren Schuhen gemacht, damit wir dies am Abend auch an alle Freunde und Bekannte schicken können. Und dann fuhren wir los, freudestrahlend und aufgeregt, gleich steht der erste große Ultraschall in der 12. SSW an.
Eine gefühlte Ewigkeit saßen wir im Wartezimmer und konnten es kaum noch erwarten. 
Dann endlich, die Tür öffnete sich und wir wurden von der Ärztin freudig begrüßt. Nach einem kurzen fröhlichen Smalltalk der Satz „na dann gehen wir erstmal schauen, was Ihr Baby so macht“. Herzrasen bei uns beiden, auch wenn mein Mann es nicht so zeigen konnte, spürte ich seine Nervosität.
Die Ärztin begann mit dem Ultraschall und redete nebenher fröhlich mit uns weiter – da ist es ja – wir konnten es wieder sehen. Doch plötzlich wurde die Ärztin still, so kenne ich Sie nicht, Stille, einfach nur Stille in diesem Raum. Mein Mann hielt noch immer aufgeregt meine Hand. Das Ultraschallgerät glitt weiter hin und her, immer noch Stille. Dann spürte ich wie mir die Ärztin mit Ihrer Hand langsam über das Schienbein streichelte. Mir schoss ein Messer ins Herz, noch bevor Sie die Worte „Es tut mir leid“ aussprach! Ich schaute meinen Mann ungläubig an. Er drückte meine Hand immer fester zusammen. „Ihr Baby hat keinen Herzschlag mehr“. Mir schossen die Tränen in die Augen, die Ärztin lies mich darauf hin vom Stuhl runter und mein Mann und ich fielen uns in die Arme. Während ich nur vor mir her stammelte „das kann doch nicht sein“ blieb mein Mann stark und gab mir in diesem Moment einfach nur Halt. Ich ahnte nicht ansatzweise was in Ihm vorging.
Alle Informationen, die meine Ärztin mir dann sagte, ich müsse nun ins Krankenhaus zur finalen Bestätigung und zur Ausschabung des Babys, gingen irgendwie an mir vorbei. Sie rief direkt im Krankenhaus an und meldete uns dort an.
Wie in Trance verließen wir die Praxis mit der Diagnose stiller Abort, denn ich hatte keinerlei Anzeichen dafür, dass es meinem Baby nicht gut geht, keine Schmerzen, keine Blutung, einfach nichts, nicht mal ein schlechtes Gefühl. Im Nachhinein, erinnerte ich mich, am Samstag zuvor als ich mich aufs Sofa setze, ein kurzes, aber heftiges Stechen gespürt zu haben, worüber ich mir aber keine Gedanken machte, da es sofort wieder weg war – hat mein Kind mich hier verlassen?
Im Krankenhaus angekommen, erinnere ich mich nur noch an diesen Raum ohne Fenster, diesen Stuhl mittendrin. Alles, was gesprochen werden musste, erledigte mein Mann. Ich konnte nicht auf den Ultraschall sehen, musste mich zur Seite drehen und mit meinen Tränen hadern. Anschließend drückte man mir einen streifen Tabletten in die Hand, welche ich am kommenden Morgen um 6 Uhr nehmen sollte, damit mein Muttermund weich wird für die anstehende Ausschabung des Babys.
Geburtstag meines Neffen? Da können wir nicht hin. Wir fuhren zu meinen Eltern, völlig aufgelöst und erzählten Ihnen alles. Danach fuhren wir nach Hause. Ich lief direkt nach oben, wollte mich verkriechen. Er folgte mir und in diesem Moment fielen wir uns in die Arme. Nach 9 Jahren Beziehung, habe ich meinen Mann das allererste Mal weinen sehen. Alle Emotionen brachen aus uns heraus und ich wusste, er leidet genauso wie ich.

Am nächsten Morgen (ausgerechnet unserem Jahrestag) stellten wir uns also den Wecker auf 6 Uhr. Ich halte am Bett die Tabletten in der Hand, weine, kann mich nicht überwinden die Tabletten zu nehmen. Sage mir immer wieder selbst „wenn du die nimmst, verlierst du dein Baby“. Nach langem Zögern schluckte ich sie, legte mich hin und weinte weiter.
2 Stunden später machten wir uns auf den Weg ins Krankenhaus. Ich erinnere mich, dass alle dort sehr nett waren. Ich wurde in einen Vorbereitungsraum gebracht in welchem ich meine OP Kleidung angezogen habe. Dann kam ein Pfleger herein und bat mich mitzukommen, ich musste mich von meinem Mann verabschieden und ab hier den schweren Weg alleine gehen.
Ich wurde über die Narkose aufgeklärt und dann ging es auch schon los. Auf einer Liege wurde ich diesen gefühlt endlosen Gang Richtung OP geschoben. Tränen kullerten mein Gesicht hinunter, ich hielt meinen Bauch, mein Kind ein letztes Mal. Dann ging alles Recht schnell und meine Erinnerung verschwindet. Als ich wieder aufwachte, saß wieder der gleiche Pfleger an meinem Bett. Wieder schossen mir die Tränen in die Augen, seine Worte „ganz ruhig atmen“ werde ich nicht vergessen. Ich fühlte eine unfassbare und unbeschreibliche Leere in mir, dieses Gefühl zu beschreiben ist unmöglich, nur eine Frau, die dies erleben musste kann es nachempfinden.
Die Wochen danach fiel ich in ein Loch, fand keinen Antrieb für irgendetwas, krankgeschrieben, zuhause verkrochen. Fragte mich immer und immer wieder, was habe ich falsch gemacht? Immer an meiner Seite, mein Mann, der eigentlich genauso trauerte und dennoch meine starke Schulter war. Ich wusste gemeinsam schaffen wir das und ich bin ihm so dankbar, dass er mir und uns den Raum zum Trauern gegeben hat.
Nach ca. 3 Wochen wusste ich aber auch, wenn ich jetzt nicht anfange nach vorne zu schauen, wieder am Leben teilnehme und anfange positiv zu denken, dann falle ich in ein Loch, aus dem ich nie wieder rauskommen werde. Und das wollte ich nicht, dass bin nicht ich!

Am 13.03. (dem Geburtstag meines Mannes) fand die Sternenkinder Beisetzung statt und wir entschieden uns daran teilzunehmen. Nur wir beide. Wir müssen uns verabschieden, um neu nach vorne schauen zu können. Wir waren so unendlich dankbar, dass es diese Möglichkeit gibt.
Dann begab ich mich langsam wieder in den Alltag und wir waren uns einig, wir werden es nicht aufgeben, den Traum von einem Kind. Beim nächsten Mal wird alles gut.

Nur 4 Monate später, Ende Juni 2020 hielt ich erneut einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen. Früh morgens lief ich direkt ins Schlafzimmer zurück, um meinen Mann darüber zu informieren. Er freute sich, ich irgendwie auch, aber irgendwie auch nicht. Ich bekam direkt Angst. Angst, was ist wenn ich es wieder verliere, Angst ob alles gut geht.
„Dieses Mal geht alles gut“ sagte mein Mann zu mir. Ich versuchte mich zu freuen, war aber dennoch die nächsten Wochen super angespannt. Dann endlich der erste Frauenarzttermin am 17.07.2020 und tatsächlich, alles sieht gut aus, ich sehe das kleine Herzchen schlagen. Unser Regenbogenbaby hat sich auf den Weg gemacht. Wir beschlossen dieses Mal auch nicht länger zu warten und erzählten es bereits meinen Eltern, welche sich rießig mit uns freuten.
Die nächsten 4 Wochen verliefen gut, aber ich war dennoch innerlich sehr sehr angespannt.
So angespannt, dass ich eines Nachts einen sehr komischen Traum von der plötzlichen Geburt eines Kindes (meines Kindes?!) auf einem Balkon hatte und irgendetwas mit ihm nicht stimmte, dann wachte ich auf….war das im Nachhinein bereits eine Vorahnung, ein Zeichen?
07.08.2020 endlich ist er der nächste Frauenarzttermin, der erste große Ultraschall in der 11. Woche.
Ich ging wieder allein zum Termin, denn durch Corona durfte mein Mann nur einmal mit während der Schwangerschaft und das beim zweiten großen Ultraschall.  Ich sagte noch „macht doch nichts, es wird ja dieses Mal nicht das gleiche sein, die Wahrscheinlichkeit, dass das gleiche gleich zweimal passiert ist doch gleich Null“.
Ich wartete Ewigkeiten, es war ein Freitag, und kurz vor 12 Uhr durfte ich dann endlich rein.
„Wir schauen erstmal, was Ihr Baby macht, dann reden wir“ waren die Worte der Ärztin. Gesagt getan. Sie richtete den Ultraschall zu mir, redete nebenher über dies und das…..und dann wurde es schlagartig wieder still. Diese Stille….ich wusste sofort was los ist. Ich sagte zu ihr „Sie sind wieder so still“ – Sie sah mich an und nickte nur ganz leicht und nahm meine Hand. Ich konnte es nicht glauben. „Das kann nicht sein“ waren meine Worte an Sie. Sie drehte den Ultraschall weg und ließ mir kurz einen Moment für mich, um zu verstehen, dass ich auch mein Regenbogenbaby verloren habe. Das Herzchen hatte einfach, still und leise wieder aufgehört zu schlagen!
Wieder rief Sie in der Klinik an, meldete mich zur „Überprüfung“ an.
Ich verließ die Praxis und rief meinem Mann an. „Kannst du bitte kommen“ und er musste gar nicht weiter fragen und wusste sofort was passiert war.

Er wartete vor dem Krankenhaus, denn dort durfte ich ebenfalls nur allein rein. Wieder bestätigte es der Arzt und bat mich vorne einen Termin für die Ausschabung auszumachen. Den bekam ich dann auch, allerdings erst in 4 Tagen. 4 lange Tage, die 4 schlimmsten Tage meines Lebens. Ich konnte es nicht verstehen, ich soll noch 4 Tage einfach nach Hause gehen, mit dem Wissen ich trage ein totes Kind in meinem Bauch?!
Dieses Mal bekam ich keine Tabletten mit, denn auf Grund der Sommerferien fand die Ausschabung in einer anderen Klinik statt. Ich sollte morgens nüchtern kommen, würde dann stationär für 1 Tag aufgenommen. Dies geschah auch und ich kam auf die gynäkologische Station. In einem Zimmer lag eine andere Dame, schon etwas älter, die mir Ihre ganze Geschichte über Ihren Brustkrebs erzählte. Ich wollte Ihr nicht zuhören, ich wollte allein sein, wenn schon mein Mann nicht da sein durfte. Ich verfluchte Corona, ich musste allein durch diese schwere Situation, er konnte nicht bei mir sein. Was habe ich falsch gemacht in meinem Leben, dass ich so bestraft werde, 2 Kinder zu verlieren?! Immer und immer wieder stellte ich mir die Frage.

Ich fand diesmal schneller in den Alltag zurück... ich musste schneller zurück, denn ich wollte auf keinen Fall noch einmal in so ein tiefes, negatives Loch fallen, wie zuletzt. Habe ich vielleicht mit meiner negativen Denkweise, meiner Angst, meiner nicht zugelassenen Freude über die erneute Schwangerschaft mein Baby verloren? All diese Gedanken schwirrten mir lange im Kopf herum.

Am 23.10. (wieder ein Geburtstag in der Familie) fand die letzte Sternenkinder Beisetzung 2020 statt. Den Termin hatten wir noch aus dem Flyer von unserem ersten Sternenkind. Durch Corona konnte keine Trauerfeier stattfinden, wie wir Sie zuletzt erlebt haben, aber es wurde dennoch etwas auf dem Friedhof organisiert. Wir nahmen auch meine Eltern mit, um Abschied zu nehmen.
Ich suchte über diverse Gruppen in sozialen Medien den Kontakt zu Frauen, die das gleiche Schicksal trugen, da ich lokal keine Informationen fand. Ich suchte jemanden der nachempfinden kann, wie es ist diese innere Leere im Bauch zu spüren. Ich fand eine wunderbare Person. Wir verstanden uns auf Anhieb, tauschten die Nummern aus. Schrieben Tag für Tag, schickten uns Monate lang endlose Sprachnachrichten. Ich fühlte mich endlich verstanden, wir taten uns gegenseitig so gut und verloren den Mut nicht.  Bis heute, noch 5 Jahre später halten wir den Kontakt.

Wir haben nicht aufgegeben, den Mut nicht verloren. Heute 5 Jahre später, haben wir eine 3 1/2 -jährige Tochter, welche vor 5 Monaten sogar noch große Schwester werden durfte.
Unsere beiden Mädchen sind fröhlich für 4, denn beide haben einen eigenen, Schutzengel da oben... unsere beiden Sternchen.
 
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Melanie Schmitt